Kulturgottesdienste

Neben den regelmäßigen Sonntagsgottesdiensten bieten wir immer wieder Familien- und Jugendgottesdienste und Kulturgottesdienste zu besonderen Themen an.

Hier einige Beispiele der vergangenden Jahre

Das wunderbarste Märchen ist das Leben selbst

Märchenhafter Kulturgottesdienst zum 150. Todestag von Hans Christian Andersen in der Dreieinigkeitskirche Rottenburg

Seine Märchen handeln von Sehnsucht, Ausgrenzung und Hoffnung – Themen, die zeitlos sind und nichts von ihrer gesellschaftlichen Relevanz verloren haben. Hans Christian Andersen, der große dänische Dichter, hat in Geschichten wie Das hässliche Entlein, Die Schneekönigin oder Das Mädchen mit den Schwefelhölzern immer auch das Menschliche und Verletzliche beschrieben. Anlässlich seines 150. Todestags widmeten Pfarrerin Veronika Mavridis, Religionspädagogin Sandra Sesselmann und Ruth Müller, MdL dem Märchendichter einen „märchenhaften Kulturgottesdienst“ in der Dreieinigkeitskirche Rottenburg – eine kulturell und spirituell dichte Veranstaltung, die einmal mehr zeigte, wie eng Literatur, Glaube und gesellschaftliche Werte miteinander verwoben sind.

Unter dem Titel „Das wunderbarste Märchen ist das Leben selbst“ führten die drei Frauen mit Texten, Musik und Erzählungen durch Andersens bewegtes Leben. Begleitet wurde der Nachmittag von Collin und Anton Stanglmeier an Violine und Klavier, deren fein abgestimmte Musikstücke – von Bach bis Hellbach – die feine Poesie des Programms unterstrichen. Eine besondere Atmosphäre entstand, als Ruth Ernst als Märchenerzählerin das Publikum mit „Das hässliche Entlein“ in die Welt Andersens entführte.

Die rund 60 Besucherinnen und Besucher erfuhren, dass Andersens Märchen weit mehr sind als Kindergeschichten. Sie sind Kunstmärchen – Spiegel des Lebens und der Gesellschaft. Seine Figuren, die Außenseiter und Suchenden, stehen für Menschlichkeit, Toleranz und Mitgefühl – Werte, die heute aktueller denn je erscheinen. „Den anderen so annehmen, wie er ist – das ist eine zutiefst christliche Botschaft“, betonte Pfarrerin Mavridis. Müller verwies auf die Bedeutung solcher Veranstaltungen: „Märchen können Orientierung geben. Sie lehren uns, dass Mut, Hoffnung und Zusammenhalt stärker sind als Vorurteile und Ausgrenzung.“

Zwischen den Lesungen erzählten die drei Frauen Anekdoten aus Andersens Leben – von seiner ärmlichen Kindheit über seine vielen Reisen bis zu seinen Eigenheiten: dem Fluchtseil im Gepäck, seiner Angst, lebendig begraben zu werden, und seiner lebenslangen Suche nach Anerkennung. Die Mischung aus Ernst, Witz und Tiefe ließ Andersens Menschlichkeit spürbar werden.

Am Ende des Gottesdienstes verbanden sich Gebet und Märchen: In den Fürbitten wurde für die Sensibilität, den Mut und die Solidarität gebetet, die Andersens Figuren vorleben. Mit einem Segenswort und dem Musikstück „Greetings to Pepe“ klang der Nachmittag aus.

Im Anschluss lud die Gemeinde zum Verweilen ein – bei Kaffee, Kuchen, einer kleinen Buchausstellung der Rottenburger Buchhandlung und einer Bastelaktion für Kinder.

Ein kulturell-religiöser Nachmittag, der zeigte, dass Märchen mehr sind als Kindheitserinnerungen: Sie sind Geschichten, die uns lehren, Mensch zu bleiben – gerade in Zeiten, in denen Toleranz und Mitgefühl auf die Probe gestellt werden.

Am Sonntag, 9. November wird um 10 Uhr wieder ein thematischer Gottesdienst stattfinden – es geht um den „Schicksalstag der Deutschen“ und um 35 Jahre Wiedervereinigung, die in diesem Jahr gefeiert werden kann. Mit einer Ausstellung wird auch an die Rolle der Kirchen bei der „friedlichen Revolution“ erinnert. 

Der 9.November - Schicksalstag der Deutschen

Gottesdienst in der Dreieinigkeitskirche erinnert an die Verantwortung fĂĽr Demokratie und Freiheit

Rottenburg. – In der evangelischen Dreieinigkeitskirche wurde am Sonntagvormittag mit einem eindrucksvollen Kultur-Gottesdienst an den 9. November als „Schicksalstag der Deutschen“ erinnert. Unter dem Titel „Zwischen Weimar, Widerstand, Wiedervereinigung und Nie-Wieder – Kirche und Demokratie“ spannten Pfarrerin Veronika Mavridis, Religionspädagogin Sandra Sesselmann und Landtagsabgeordnete Ruth Müller (SPD) den historischen Bogen von der Reformation über die Weimarer Republik und den Widerstand im Dritten Reich bis hin zur Friedlichen Revolution von 1989 und erinnerten so an Sternstunden der Geschichte. Für die musikalische Gestaltung sorgte Benedicta Ebner mit fein abgestimmten Instrumental- und Gesangseinlagen.

Im Mittelpunkt des Gottesdienstes stand die Frage, welche Verantwortung Kirche und Gesellschaft heute tragen, wenn Demokratie und Zusammenhalt unter Druck geraten. „Freiheit, Demokratie und gesellschaftlicher Zusammenhalt sind keine Selbstverständlichkeit – sie müssen immer wieder neu erkämpft werden“, betonte Pfarrerin Mavridis zu Beginn. Mit eindrücklichen Zitaten und historischen Rückblicken erinnerten die drei Liturginnen daran, dass Kirche stets gefordert war, Haltung zu zeigen – vom Mut Martin Luthers über die Zivilcourage Dietrich Bonhoeffers bis zu den Friedensgebeten in Leipzig 1989. Auch an den Verlust der Heimat und die Suche nach neuer Heimat wurde erinnert, als die Geschichte der Ankunft der evangelischen Flüchtlinge in Niederbayern erzählt wurde.

Ruth Müller schlug den Bogen zur Gegenwart: „Wenn Worte wieder zu Waffen werden, müssen alle Alarmglocken schrillen“, sagte sie mit Blick auf rechtsextreme Hetze und zunehmende Gewalt gegen Politiker und Kirchenvertreter. Sandra Sesselmann erinnerte daran, dass es in einer Demokratie nicht reicht, zuzusehen: „Demokratie braucht Menschen, die sich einmischen – jeden Tag.“

Besondere Aufmerksamkeit erhielt der Abschnitt über die Rolle der Kirche während der Friedlichen Revolution. Die offenen Kirchen seien damals Schutzräume gewesen, betonte Mavridis: „Mit Kerzen und Gebeten wurde Geschichte geschrieben.“ Passend dazu sang Benedicta Ebner Udo Lindenbergs Lied „Wir ziehen in den Frieden“ in dem es heißt:
„Wir haben doch nicht die Mauern eingerissen, damit die jetzt schon wieder neue bauen.“

Gemeinsam sang die Gemeinde „Vertraut den neuen Wegen“, das der evangelische Pastor Klaus-Peter Hertzsch 1989 getextet hatte sowie Dietrich Bonhoeffers „Von guten Mächten“, , die beide als musikalische Zeichen für Hoffnung und Vertrauen in dunklen Zeiten verstanden wurden.

Am Ende stand der Appell, das „Nie wieder“ als gelebtes Versprechen ernst zu nehmen. „Freiheit ohne Verantwortung und ohne Mut kann nicht bestehen“, fasste Ruth Müller zusammen, bevor Leonie Helfer untermalt von Instrumentalmusik die „Ewigkeitsrechte“ zur Menschenwürde und Demokratie aus dem Grundgesetz verlas.

Nach dem Segen nutzten viele der rund 50 Besucherinnen und Besucher die Gelegenheit, bei Kirchenkaffee und einer kleinen Ausstellung zu 35 Jahren Deutscher Einheit ins Gespräch zu kommen.

Evangelischen Widerstandskämpfer kennen gelernt

Hauptschule Furth besuchte Bonhoeffer-Ausstellung

„Sein Mut, fĂĽr andere zu kämpfen, hat mich beeindruckt“, brachte es eine SchĂĽlerin aus der Volksschule Furth auf den Punkt. Gemeinsam mit den beiden Lehrerinnen Uschi SchĂĽlke und Helga Seredinski waren die HauptschĂĽler der 8. Klasse aus Furth gemeinsam mit den evangelischen HauptschĂĽlern aller Klassen aus Furth der Einladung von Pfarrer Nauhauser gefolgt, die Bonhoeffer-Ausstellung zu besuchen. Den Einstieg machte eine Diskussionsrunde, in der die SchĂĽler erzählten, warum sie sich mit ihren Geschwistern oder Schulkameraden streiten. Meistens entstehe Streit dadurch, dass die eigenen Interessen verletzt worden seien. Allerdings gebe es auch Situationen, in denen die SchĂĽler fĂĽr jemand anderen Partei ergreifen, der gerade geärgert oder benachteiligt werde. „Und genau das habe auch Bonhoeffer getan“, erläuterte Pfarrer Peter Nauhauser. 

In vier Arbeitsgruppen erkundeten die Jugendlichen dann die Ausstellung in der evangelischen Kirche. Zum einen die gezeichnete Lebensgeschichte Bonhoeffers, dann die Widerstandsbewegung, die katholische und evangelische Geistliche zeigte, aber auch Namen wie Sophie Scholl beinhaltet und natĂĽrlich die Hamburger Ausstellung. Zwei Fragebögen waren dazu vorbereitet. Pfarrer Peter Nauhauser, die Lehrerinnen Uschi SchĂĽlke und Helga Seredinski und Ruth MĂĽller vom Kirchenvorstand erläuterten Bonhoeffers Stationen und wiesen auf geschichtliche Zusammenhänge hin. 

Am Ende des Ausstellungsbesuchs sang man gemeinsam Bonhoeffers Lied „Von guten Mächten wunderbar geborgen“. Im Internet und auch im Facebook gibt es weitere Informationen über die Bonhoeffer-Wochen, die gemeinsam von der evangelischen Kirche und der SPD im Labertal durchgeführt werden.

 

Kein Volk darf die Hände in den Schoß legen und auf Helden warten

Kultur-Gottesdienst anlässlich der Reichspogromnacht in der Dreieinigkeitskirche

„Emil und die Detektive“ oder „Das Doppelte Lottchen“ sind sicherlich die bekanntesten KinderbĂĽcher von Erich Kästner, der vor 50 Jahren verstarb und in diesem Jahr seinen 125. Geburtstag hatte. Doch vielen ist nicht bewusst, dass Kästner sich schon frĂĽh gegen die Nazi-Diktatur zu Wort gemeldet hatte und deshalb auch mit Berufsverbot belegt wurde. Seine BĂĽcher wurden am 10. Mai 1933 in Berlin verbrannt – in seinem Beisein und im Beisein von Goebbels. „Gegen Dekadenz und moralischen Verfall“ – mit diesem „Feuerspruch“ wurden Kästners BĂĽcher verbrannt – wie die von vielen anderen Schriftstellern auch. Im Rahmen eines Kultur-Gottesdienstes haben Pfarrerin Veronika Mavridis, Religionspädagogin Sandra Sesselmann und die Synodale Ruth MĂĽller, MdL daran erinnert, wie schleichend das Gift der Nationalsozialisten, Unwahrheiten, Verleumdungen und Verschwörungstheorien Deutschland und die Welt in die Katastrophe des Zweiten Weltkriegs fĂĽhrte. „Anlässlich des Jahrestags der Reichspogromnacht am 9. November 1938, die Kästner in Berlin erlebte, wollen wir als evangelische Kirche und Kirchenvorstand ein Zeichen setzen“, so Pfarrerin Veronika Mavridis. Anhand von Schaubildern konnten die rund 100 Besucher in der Kirche auch sehen, dass in den Jahren 1923 bis 1933 die BĂĽrgerinnen und BĂĽrger in Rottenburg und Umgebung immer stärker fĂĽr die NSDAP stimmten – der braune Balken wuchs mit jeder Wahl an und am Ende wählten neun von zehn Rottenburger die Nazis an die Macht. Die drei Protagonistinnen hatten sich intensiv mit dem Leben und Wirken und Werken Erich Kästners auseinandergesetzt und verstanden es, die Zeitgeschichte in die Lebensgeschichte Kästners einzubinden und mit passenden Lesestellen aus seinen BĂĽchern und Zitaten zu verstärken. Kästner war in der jungen Bundesrepublik ein stetiger Mahner, der aufrief, die Demokratie wachsam zu verteidigen und als Volk und Elite nie die Hände in den SchoĂź zu legen im Vertrauen darauf, dass andere die Helden sein werden. Einen besonderen Glanzpunkt setzte die MĂĽnchner Opernsängerin Franziska Rabl, deren klarer Mezzosopran in der Kirche erklang. Sie hatte – begleitet von Franz Hawlatta am Klavier – vertonte Gedichte Kästners gefunden, die sie zwischen den Lesungstexten darbot. Im Lied „GroĂźe Zeiten“, das von Andreas N. Tarkmann vertont wurde, geht es darum, dass die Dummheit zur Epidemie wird und ein Volk „in geistiger Umnachtung versinkt“. Die Lieder handelten von Kriegsheimkehrern und Kriegsversehrten und am Ende von den Frauen, die entschieden, ihre Söhne, BrĂĽder und Männer nicht mehr in den Krieg ziehen zu lassen. Andreas Tarkmann, Alexander Zemlinsky und Wolfgang Korngold, die die Musik zu den Gedichten komponiert hatten, waren allesamt Juden, die aufgrund der politischen Entwicklungen in die USA emigrieren mussten. So wurden an diesem Abend auch ihre Werke wieder lebendig. Und wenn Kästners langjährige Lebensgefährtin Lieselotte Enderle in einem Nachruf ĂĽber ihren Erich sagte, dass er mit seinen Texten „Auf die Gegenwart in die Zukunft zielt“, so hätte man die Stimmung anlässlich der aktuellen politischen Entwicklungen in der Rottenburger Dreieinigkeitskirche an diesem besonderen Kulturabend nicht besser beschreiben können. Im Anschluss an den Gottesdienst nutzten die Besucher die Gelegenheit, bei einem Glas Sekt die Schaubilder anzusehen und am BĂĽchertisch der Rottenburger Buchhandlung in den Werken Erich Kästners zu blättern. 

Grundlagen eines neuen Europa

Ausstellungseröffnung der „Weißen Rose“ in der Europawoche an der Realschule Rottenburg.

„Einer muss ja doch schlieĂźlich mal damit anfangen“ waren Sophie Scholls Worte auf die Frage, was sie zum Handeln bewogen habe. Vor 75 Jahren starben die Mitglieder der Studentenbewegung „WeiĂźe Rose“ fĂĽr ihren Kampf gegen das Nazi-Regime und fĂĽr Demokratie, Frieden und Freiheit. 

Anlässlich dieser historischen Jährung hat die Landtagsabgeordnete Ruth Müller gemeinsam mit dem AK-Labertal der SPD die Wanderausstellung der Weißen-Rose-Stiftung in die Region gebracht. In dieser Woche machte sie an der Realschule Rottenburg a.d. Laaber Station und wurde mit einer bewegenden Feier eröffnet.

Neben den GruĂźworten des Schulleiters Johannes Pfann und der zweiten BĂĽrgermeisterin Mathilde Haindl, war es Ruth MĂĽller in ihrer Eröffnungsrede ein Anliegen, die HintergrĂĽnde der „WeiĂźen Rose“ den SchĂĽlern der 10. Klassen ihrer ehemaligen Schule näherzubringen. So wurde im März 1933 auch das Ermächtigungsgesetz im Bayerischen Landtag verabschiedet mit den Worten: „Freiheit und Leben kann man uns nehmen, die Ehre nicht“. Dies sollte fĂĽr die Mitglieder der „WeiĂźen Rose“ bittere Wahrheit werden, so MĂĽller, denn nach dieser Deklaration war die Demokratie unter der Herrschaft Hitlers zunächst einmal fĂĽr zwölf Jahre tot. 

„Ein friedliches Europa war das Ziel dieser jungen Menschen“, so Ruth Müller, weshalb die Ausstellung so gut in diese Woche – die Europa-Woche – passe. Im fünften Flugblatt nämlich, so die Abgeordnete weiter, wollte die Weiße Rose die Grundlagen für ein neues Europa durch die „großzügige Zusammenarbeit der europäischen Völker“ erreichen. Auch heute brauche die EU eine Jugend, die von der europäischen Idee überzeugt ist und für die Grundwerte der Freiheit und Demokratie einsteht.

Auch die Lehrer, sowie Schülerinnen und Schüler hatten sich im Vorfeld zur Eröffnung eingehend mit der dunklen Seite der deutschen Geschichte befasst. So wurde das Lied „Die Weiße Rose“ von Konstantin Wecker eindrucksvoll von einem angehenden Musiklehrer, begleitet am Klavier, interpretiert. Einzelne Schülerinnen und Schüler trugen Passagen aus den Flugblättern der Studentenbewegung derart bewegend vor, dass das Geschehene vor dem inneren Auge des Publikums wieder lebendig wurde. Auch der Abschiedsbrief von Willi Graf wurde verlesen, den er kurz vor seiner Hinrichtung an seine Eltern schrieb, wohl wissend, sie und alle anderen geliebten Menschen nie wieder zu sehen. Entsprechend gerührt zeigte sich Stadträtin Angelika Wimmer in ihrem Schlusswort, in dem deutlich wurde, wie wichtig der Kommunalpolitikerin die Aufarbeitung dieser speziellen Epoche der deutschen Geschichte ist. Diese Zeit und die Lehren, die daraus gezogen wurden, dürften nie vergessen werden, so Wimmer, die den Schülerinnen und Schülern für die gelungene und eindrucksvolle Ausstellungseröffnung nicht genug danken konnte.

Der Glaube als Basis couragierten Handelns

„Die Dinge beim Namen nennen – das tat Dietrich Bonhoeffer in couragierter Weise als Pfarrer und als verantwortungsvoller Mensch in einer Zeit, in der die freie Meinungsäußerung nicht geduldet war“, so Pfarrer Peter Nauhauser in seiner Predigt anlässlich der Ausstellungseröffnung zum Leben und Wirken des vor 65 Jahren ermordeten Bonhoeffers.

Festlich begann der Gottesdienst mit dem evangelischen Kirchenchor und Posaunenchor aus Geiselhöring in der fast voll besetzten Kirche zur Ausstellungseröffnung und vor dem Gemeindesaal fanden im Freien bei bestem Sommerwetter die Grußworte und die Festrede statt.

Die Ausstellung aus Hamburg ĂĽber das Leben und Wirken Dietrich Bonhoeffers, die seit 17. Mai im Labertal unterwegs ist, hat in dieser Woche Heimat in Rottenburg gefunden. Karin Nauhauser hat die 13 Tafeln zum Leben und Wirken Bonhoeffers um eine Begleitausstellung ergänzt: Bilder aus Breslau – Bonhoeffers Geburtsstadt – Zeichnungen ĂĽber Bonhoeffers Leben aber auch viele Informationen ĂĽber Widerstandskämpfer beider Konfessionen sind auf zahlreichen Schautafeln zu sehen. Vier Schulen und das Fernsehen haben sich bereits angekĂĽndigt, die Ausstellung im Laufe der Woche zu besuchen . Es gibt Informationsmaterial in HĂĽlle und FĂĽlle, so Pfarrer Nauhauser. 

Lange Zeit tat sich die evangelische Kirche auch schwer mit ihrem „berühmten Heiligen“ – der aber doch den Grundstein für eine moderne Kirche und Ökumene gestaltete. 1944 schrieb Bonhoeffer in einem Brief aus dem Gefängnis:

„Die Kirche muss aus ihrer Stagnation heraus. Wir müssen auch wieder in die freie Luft der geistigen Auseinandersetzung mit der Welt. Wir müssen es auch riskieren, anfechtbare Dinge zu sagen, wenn dadurch lebenswichtige Fragen aufgerührt werden.“ Diese Worte und Gedanken Bonhoeffers hätten bis heute Gültigkeit behalten, so Pfarrer Nauhauser. Denn ähnlich wie es Jesus tat oder wie es Bonhoeffer tat, haben die Kirchen und ihre Vertreter die Aufgabe, Fehlentwicklungen der Gesellschaft beim Namen zu nennen.

Im Beisein des Fraktionsvorsitzenden der SPD im bayerischen Landtag, MdL Markus Rinderspacher, MdL Gertraud Goderbauer (CSU), Bürgermeister Alfred Holzner (Freie Wähler), stv. Landrätin Christel Engelhard (SPD, Landkreis Landshut), stv. Landrat Edgar Fellner (SPD, Landkreis Kelheim) und der Mitglieder des SPD-Arbeitskreises Labertal wurde die Ausstellung in der Kirche und im Gemeinderaum mit der Gemeinde und den Besuchern eröffnet. Über 200 verschiedene Zitate von Bonhoeffer habe Ruth Müller im Internet gefunden – und sie auf Papierstreifen gedruckt, so dass sich jeder Ausstellungsgast „sein persönliches Bonhoeffer-Zitat“ als Erinnerung oder Motivation mit nach Hause nehmen konnte.

„Ausstellung gegen das Vergessen“

„Eine Ausstellung gegen das Vergessen des schwärzesten Kapitels unserer Geschichte“ nannte Rottenburgs BĂĽrgermeister Alfred Holzner diese Aktion des SPD-Arbeitskreises Labertal mit den evangelischen Kirchen. „Nur wer sich mit dem Elend, dem Unheil und dem Leid auseinandersetze, das von Macht, Gewalt und UnterdrĂĽckung ausgelöst wurde, verstehe, warum es sich lohne fĂĽr Recht und Demokratie, fĂĽr ein Leben in Freiheit und Gleichheit einzutreten. Bonhoeffers theologische Ăśberlegungen und Perspektiven des Christentums seien weitreichend und vorausschauend gewesen. 

Dietrich Bonhoeffer diene in seiner Rolle im kirchlichen und politischen Widerstand als Vorbild. Frieden und Freiheit seien keine Selbstverständlichkeit sondern Herausforderung und Aufgabe fĂĽr die Zukunft, so Holzner. 

Der Glaube ist die Basis couragierten Handelns

Bonhoeffers Leben und Wirken gibt Orientierung und Mut fĂĽr das eigene Leben und fĂĽr die Arbeit derer, die in der Gesellschaft Verantwortung ĂĽbernommen haben – in Familien, Schulen, Verbänden, Initiativen, Kirchen und Parteien, so Markus Rinderspacher, Fraktionsvorsitzender der SPD im bayerischen Landtag in seiner Festrede. Bonhoeffer war ein Mann der Kirche, ein wortgewaltiger Streiter fĂĽr Mitmenschlichkeit, jemand der es „ernst genommen habe mit der Bergpredigt“. 

Viele von Bonhoeffers gesellschaftlich-politischen Vorstellungen seien heute Wirklichkeit, so Rinderspacher. Doch Demokratie lebe vom Mitmachen, die Gesellschaft von Zivilcourage und Menschen, die sich einbringen - im Verein, im kirchlichen oder politischen Ehrenamt. 

Leider hätten die Deutschen so wenig Vertrauen in die Politik wie seit dem Zweiten Weltkrieg nicht mehr – die Politik ist in der Pflicht, Vertrauen zurĂĽckzugewinnen und dazu bedarf es der Mithilfe aller in der Verantwortung stehenden Menschen. Bonhoeffer habe zu seiner Zeit dazu ermutigt, aus der Passivität herauszutreten, dem Glauben und den Worten Taten folgen zu lassen und gemeinsam wachsam zu sein, damit sich die Fehler der Vergangenheit nicht wiederholen. Die Feinde der Demokratie dĂĽrften nie wieder FuĂź fassen in unserer Gesellschaft. Im ganzen Land gebe es Initiativen gegen Rechts – entschlossene BĂĽrger stellen sich den braunen Rattenfängern mutig entgegen und zeigen so Zivilcourage fĂĽr eine bunte Republik. 

Der Glaube ist die Basis couragierten Handelns – auch Bonhoeffer habe „das freie Glaubenswagnis verantwortlicher Tat“ gefordert.

Ins Wasser fällt ein Stein und zieht Kreise

Mit den Worten: „Ich warf einen Stein in die Laaber und es entstanden große Wellen der Begeisterung und des Interesses von der Abens bis zur Donau“, begann Ruth Müller einen kurzen Rückblick auf die Entstehungsgeschichte der Ausstellung im Labertal und schilderte ihre Stationen der Begegnungen mit Bonhoeffer. Nach der Schulzeit sei die nächste Begegnung eine Schrift zum 100. Geburtstag Bonhoeffers gewesen, die 2006 im Kirchenvorstand verteilt wurde. „Spurensuche“ heißt ein Kapitel darin und beim Lesen habe sie auch Spuren der eigenen Familie entdeckt, da die Großeltern aus derselben Zeit und derselben Gegend wie Bonhoeffer stammten und eben auch evangelisch waren. „Plötzlich wurde Geschichte lebendig.“ Bei einer Fahrt nach Jaworzyna Śląska, der polnischen Partnergemeinde Pfeffenhausens habe man 2008 auch Breslau besucht und sie sei vor dem Bronze-Torso Bonhoeffers bei der Elisabethkirche gestanden, in der die Großeltern geheiratet hätten. Hier sei ihr auch noch einmal bewusst geworden, wie viele persönliche Schicksale durch Krieg und Flucht geprägt worden sind.

„Bonhoeffers Worte sind zeitlos und haben Krieg, Trümmer, Wiederaufbau und Tod überdauert. Sie sprechen aber noch heute Menschen verschiedener Herkunft und unterschiedlichen Alters an und verbinden auch Konfessionen.“

Demokratie und Zivilcourage, aktives „Sich-Einbringen“ in die Gesellschaft sei heute so wichtig wie morgen. Dieses Beispiel wollte uns Bonhoeffer geben. Dieses Erbe mĂĽssen wir bewahren und weitertragen, damit auch unser Wirken, und das Miteinander von Kirche und Politik, positiv beeinflusst werden. 

Möge dieser Stein, der ins Wasser geworfen wurde, positive Kreise an andere Ufer ziehen. 

Ruth Müller bedankte sich bei Pfarrer Nauhauser und den Mitgliedern des Kirchenvorstands für die gute Zusammenarbeit. Ihr Dank galt auch den Verantwortlichen des SPD-Arbeitskreises Labertal, die durch ihre hervorragende Vernetzung eine achtwöchige Ausstellungsreihe quer durch die Region organisiert hätten.

Stationen eines Lebens vom Kaiserreich bis zur Diktatur

Erinnerung an den Widerstandskämpfer Dietrich Bonhoeffer im Gedenken an seine Hinrichtung vor 77 Jahren

77 Jahre nach der Hinrichtung Dietrich Bonhoeffers im Konzentrationslager FlossenbĂĽrg erinnerten Pfarrerin Veronika Mavridis und die Landtagsabgeordnete und Synodale der evangelischen Landeskirche, Ruth MĂĽller, MdL am Samstagabend in der Rottenburger Dreieinigkeitskirche an den evangelischen Theologen und Widerstandskämpfer. Unter dem Motto: „Vom Leben und Sterben in einer Diktatur“ wurden die Lebensstationen Bonhoeffers in den zeitgeschichtlichen Kontext gestellt, um deutlich zu machen, wie politische Entwicklungen das Leben beeinflussen und wie im Fall Bonhoeffer auch gewaltsam beenden können. Bereits 2010 hatten die evangelischen Kirchen im Labertal mit der SPD in der Region die vielbeachteten „Bonhoeffer-Wochen“ fĂĽr Zivilcourage, Widerstand, Glaube und Demokratie durchgefĂĽhrt und dabei sei man auch immer wieder mit der Frage konfrontiert worden, „ob es denn sein mĂĽsse, immer wieder ĂĽber diese dunkle Zeit zu sprechen“, erinnerte Ruth MĂĽller in der EinfĂĽhrung. „Und ja – angesichts der aktuellen Entwicklungen ist es umso wichtiger, daran zu erinnern, wohin es fĂĽhrt, wenn Demokratien nicht genĂĽgend Demokraten haben“, so MĂĽller. 

Musikalisch wurde die Veranstaltung umrahmt von Michael Schönfelder am Kontrabass und Heinz Schönfelder an der Orgel, die es verstanden, mit passenden Liedtiteln die Stimmung der Zeit einzufangen.

Kindheit im Kaiserreich, Jugend im 1. Weltkrieg 

1906, als Dietrich Bonhoeffer mit seiner Zwillingsschwester Sabine in Breslau geboren wurde, war Deutschland noch ein Kaiserreich. Die Bonhoeffers wohnten mit ihren acht Kindern in idyllischer Natur, zogen später nach Berlin, wo der Vater den Lehrstuhl fĂĽr Neurologie und Psychiatrie an der Friedrichs-Wilhelm-Universität ĂĽbernommen hatte. Musik und Kultur spielen in der Familie eine groĂźe Rolle, Bonhoeffers Mutter Paula stammt aus einem Pfarrhaus. Einer der Söhne starb im ersten Weltkrieg, was Dietrich Bonhoeffer auf den Gedanken brachte, Theologie zu studieren. 

Als Student in der Weimarer Republik und in der Welt

Intelligent und zielstrebig legte er schon mit 17 Jahren sein Abitur ab und promovierte bereits 1927. Es folgten Reisen und Lehraufenthalte nach Italien, Spanien, England und in die USA, wo er es als wichtigste Erfahrung beschreibt, zum ersten Mal in seinem Leben „mit farbigen Menschen in Kontakt zu kommen“ und zu erleben, wie diese unter Rassismus und Ausgrenzung litten und ihren Glauben und ihre Frömmigkeit in den Gottesdiensten in Harlem lebten. Währenddessen steigt in Deutschland die Arbeitslosigkeit, die NSDAP kann die Zahl ihrer Sitze im Parlament verneunfachen und „die Demokratie beginnt zu verschwinden“, berichtete Ruth MĂĽller die politischen Entwicklungen dieser Zeit. Anfang der 1930er Jahre wird Bonhoeffer zum Pfarrer ordiniert, arbeitet als Privatdozent an der Universität und ist im Prenzlauer Berg in der Jugendseelsorge tätig. 

Aufstieg der Nationalsozialisten – Beginn des Dritten Reichs 

Schon 1933 wird das „Ermächtigungsgesetz“ erlassen. Der SPD-Abgeordnete Otto Wels hält seine berühmte Rede dagegen: „Freiheit und Leben kann man uns nehmen, die Ehre nicht“. Gleichzeitig erreichen die ersten Gefangenentransporte das Konzentrationslager in Dachau. In der evangelischen Kirche gibt es eine neue Verfassung mit dem Ziel, aus den Landeskirchen eine gemeinsame „Reichskirche“ zu formen und die „Deutschen Christen“ unterwandern die Kirche und führen auch dort den „Arierparagraphen“ ein. Während jüdische Mitbürger keine Zeitungen mehr kaufen dürfen, jüdische Musiker nicht mehr auftreten dürfen und Ehen zwischen Juden und Nichtjuden nicht mehr geschlossen werden dürfen, werden immer öfter bei Taufen Fürbitten verlesen, die dem Kind wünschen, es werde später so stark wie Hitler oder Himmler werden. Passend dazu ertönte das Lied „Irgendwo auf der Welt“ von den Comedian Harmonists, die nicht mehr auftreten durften und sich nach ihrer erzwungenen Trennung nie wieder sahen.

Bonhoeffers Predigerseminiar in Finkenwalde wird geschlossen und seine BemĂĽhungen, die „Bekennende Kirche“ verliert ihre Wirkmacht. 1939 beginnt mit dem Angriff auf Polen der Krieg und Bonhoeffers Freunde in Amerika verschaffen ihm eine Anstellung dort, um ihn vor der Einberufung in den Kriegsdienst zu bewahren. Doch auf Dietrich Bonhoeffer lastet die Verantwortung, sich fĂĽr sein Land einzusetzen und mitzuhelfen, die Diktatur zu beenden. Er wolle „dem Rad in die Speichen fallen“, wie er es nannte und reist deshalb zurĂĽck nach Deutschland, wo er beispielsweise ĂĽber die Massendeportationen jĂĽdischer BĂĽrger aus Berlin berichtet, um Beweismittel fĂĽr die Dokumentation der nationalsozialistischen Grausamkeiten zu sichern. 1942 will die „Wannseekonferenz“ die Planung fĂĽr die „Endlösung der Judenfrage“ voranbringen. Weihnachten 1942 verlobt sich Bonhoeffer mit Maria von Wedemeyer und verbringt sein letztes Weihnachten mit seiner Familie. 

Gefangenschaft und Konzentratiosnlager

Am 18. Februar wird von Reichspropagandaminister Joseph Goebbels der „totale“ Krieg proklamiert und schon am 22. Februar werden die ersten Mitglieder der „WeiĂźen Rose“, Hans und Sophie Scholl und Christoph Probst in MĂĽnchen hingerichtet. Am 5. April 1943 wird Bonhoeffer inhaftiert und erfährt erst Ende Juli die Anklagepunkte aus der Anklageschrift. Ein Jahr später, im Juli 1944 scheitert das Hitler-Attentat von der Gruppe um Claus Stauffenberg und Bonhoeffer wird bewusst, dass auch sein Schicksal besiegelt ist, als er in eine fensterlose Zelle verlegt wird und keinen Besuch mehr erhalten darf. „An Weihnachten 1944 verfasst er fĂĽr seine Verlobte und seine Eltern das berĂĽhmte Gedicht „Von guten Mächten wunderbar geborgen“, das später vertont wurde“, berichtet Pfarrerin Mavridis aus den Lebensstationen Bonhoeffers. Während Bonhoeffer Anfang 1945 in die Konzentrationslager Buchenwald, Schönberg und FlossenbĂĽrg ĂĽberfĂĽhrt wird, beginnt die groĂźe Winteroffensive der russischen Armee gegen die deutsche Ostfront. In der Folge begeben sich 2,5 Millionen Menschen auf die Flucht, viele von ihnen ĂĽberleben diese nicht. Im März erlebt der Hauptbahnhof Landshut einen Bombenangriff und Anfang April finden die Todesmärsche statt, die auch durch unsere Region kommen und in Ergoldsbach werden durch Anna Gnadl und Max Maurer 13 jĂĽdische Gefangene gerettet, wirft MĂĽller einen Blick auf die lokalpolitischen Ereignisse dieser Zeit. 

Von guten Mächten wunderbar geborgen

Am 9. April 1945 muss sich Bonhoeffer – zusammen mit fĂĽnf anderen Häftlingen nackt ausziehen und wird zum Galgen gefĂĽhrt und hingerichtet. Mavridis erinnert an seine letzten Worte: „Das ist das Ende – fĂĽr mich der Beginn des Lebens“. Nur vier Wochen später war der Krieg zu Ende und die deutsche Wehrmacht erklärt die bedingungslose Kapitulation Deutschlands. „60 Millionen Menschen haben ihr Leben in diesem Krieg verloren, 13 Millionen Menschen mussten flĂĽchten oder wurden aus ihrer Heimat vertrieben“, erinnert MĂĽller an das millionenfache Leid, das jede Familie erlebt hat. „Und erst in den Jahren 1955 / 1956 sind die letzten Kriegsgefangenen aus Russland zu ihren Familien zurĂĽckgekehrt“. 

Den aktuellen Bezug zum Krieg in der Ukraine stellte Pfarrerin Veronika Mavridis dar und fragte, ob es auch heute wieder mutige Menschen geben wird, die sich dem Krieg und den Diktatoren versuchen, entgegenzustellen. Die Besucher der Andacht verlasen anschlieĂźend einige Worte aus den Werken Dietrich Bonhoeffers, die auch auf dem Altar ausgelegt waren. In ihrem Schlusswort erinnerte Ruth MĂĽller an das Vermächtnis Dietrich Bonhoeffers: „Demokratie darf uns nicht gleichgĂĽltig sein, denn sie ist die Grundlage fĂĽr Frieden, Freiheit und Zivilcourage“. Mit dem Abend zum Gedenken an den evangelischen Theologen wolle man auch nicht zulassen, dass das Werk von Menschen wie Dietrich Bonhoeffer oder den Mitgliedern der WeiĂźen Rose lächerlich gemacht werde und ihre Worte und Symbole von Leuten missbraucht werden, denen es an Geschichtsbewusstsein und an Respekt fehle. 

Gemeinsam sangen die Besucher, umrahmt von Michael und Heinz Schönfelder das Lied „Von guten Mächten wunderbar geborgen“, das Kraft und Hoffnung für das Leben gibt.